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Kipchoge: The Last Milestone

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Jake Scott zeigt in seinem neuen Dokumentarfilm beeindruckende ...
 
Bilder von der beeindrucken Leistung eines beeindruckenden Sportlers. Aber was für eine Geschichte erzählt er?
 
Vienna, 12th October 2019
 
Eliud Kipchoge hat erst am 08.08.2021 bei den Olympischen Spielen wieder einmal die Goldmedaille im Marathonlauf gewonnen. Sein Vorsprung auf den Gewinner der Silbermedaille war mit 80 Sekunden der größte Vorsprung eines Siegers in einem Olympia-Marathon seit 49 Jahren. Nach 2016 ist das bereits der zweite Olympiasieg für Kipchoge. Davor und dazwischen hat dieser Mann unter anderem viermal den London Marathon gewonnen und dreimal den Berlin Marathon. Einmal, 2015 in Berlin, waren die Innensohlen aus Kipchoges Schuhen gerutscht. Trotzdem konnte er den Lauf für sich entscheiden und verfehlte den damals geltenden Weltrekord nur um 63 Sekunden. Drei Jahre später lief er dann den bis heute gültigen Weltrekord von 2 Stunden, 1 Minute und 39 Sekunden.
 
Aber in Jake Scotts Film geht es nicht um Kipchoges Siege bei den Olympischen Spielen oder den World Marathon Majors. Es geht nicht um Kipchoges frühe Erfolge über die 5000-Meter-Distanz. Es geht um einen ganz besonderen Marathonlauf, der am 12. Oktober 2019 in Wien, nicht abgehalten sondern „inszeniert“ wurde. Mithilfe modernster Technik und unter praktisch perfekten Bedingungen lief Kipchoge im Windschatten von 41 wechselnden Tempomachern die Marathon-Distanz in 1 Stunde 59 Minuten und 40 Sekunden und damit als bisher einziger Mensch in unter zwei Stunden.
 
Dieser „Weltrekord“ wird vom Weltleichtathletikverband wegen der fehlenden Wettbewerbsbedingungen natürlich nicht anerkannt. Diese Information fehlt in Jake Scotts Film. Aber Informationen sind in Jake Scotts Film ohnehin Mangelware. Wir erfahren wenig über Kipchoges Kindheit, kaum etwas über seine früheren Erfolge und praktisch nichts über sein Leben abseits dieser Veranstaltung. Aber wir bekommen Bilder gezeigt. Bilder von Kenia, Bilder von Wien, Bilder der Vorbereitungen, Bilder der Veranstaltung, …
 
Scott hat früher Musikvideos gedreht. Von ihm stammen u.a. die Videos zu R.E.M.s „Everybody Hurts“ und Tina Turners „GoldenEye“. Und Scott ist es wohl immer noch gewohnt, vor allem schöne Bilder zu zeigen. Vielleicht liegt das in der Familie. Sein Vater Ridley hat mit „Blade Runner“ und „Alien“ einige der visuell anspruchsvollsten Werke der Filmgeschichte geschaffen. In einem Musikvideo kann es mir gleichgültig sein, warum und wie genau nun „Everybody Hurts“. Und in „Blade Runner“ kam es mir auch nicht darauf an, wie man es eigentlich geschafft hat, künstliche Wesen zu schaffen, die von Menschen nur durch aufwendige Tests zu unterscheiden sind.
 
 
Aber in einem Dokumentarfilm hätte ich schon gerne erfahren, was einen außergewöhnlichen Sportler zu außergewöhnlichen Leistungen treibt. In den ersten Minuten des Films hören wir einige wenige O-Töne Kipchoges zu diesem Thema. Aber die erinnern leider an die Plattitüden, die man bei Motivationstrainings zu hören bekommt. Wir erfahren auch sonst nicht viel über den Langstreckenlauf im Allgemeinen und die Marathondisziplin im Speziellen.
 
Das ist merkwürdig, weil Scott uns in seinem Film fast ständig irgendetwas von „talking heads“ erklären lässt. Bloß ist das meiste, was wir zu hören bekommen, nur für diese spezielle Veranstaltung vom 12. Oktober 2019 relevant. Kurz wird Kenias koloniale Vergangenheit erwähnt. An einer Stelle spricht „Denis Noble CBE FRS FMedSci MAE, Professor of Evolutionary Biology – Oxford University“ (=Originaltext des Inserts) kurz über die Physiologie von Sportlern aus Kenia. Aber dann geht es bald wieder bloß um die „Ineos 1:59 Challenge“, wie die Veranstaltung offiziell hieß.
 
„talking heads“ ist nicht nur der Name einer Band, die ihre größten Erfolge in den 80er-Jahren hatte. „talking heads“ nennt man Interviewte, die in Dokumentationen in halbnaher Einstellung gezeigt werden während sie O-Töne abliefern. Das wirkt immer recht statisch, wie im Schulunterricht und kann einen Dokumentarfilm schnell langweilig geraten lassen. In „Kipchoge: The Last Milestone“ bekommen wir mehr „talking heads“ zu sehen als in einer durchschnittlichen Hitler-Doku von Guido Knopp.
 
 
Aber anders als Knopp, der immer erklärt, dass wir nun minutenlang den Hosenbügler des dritten Adjutanten von Hitlers Gesandten in Andorra hören, informiert Scott nicht über die Beziehung zwischen Interviewpartner und Thema. Wir sehen und hören u.a. den „CEO Global Sports Communication“ und erfahren nie, was das für eine Organisation sein mag oder womit sie sich beschäftigt. Mehrmals spricht ein „Performance Scientist“ über den Straßenbelag in der Hauptallee des Wiener Praters und so können wir wenigstens vermuten, dass der Mann sich nicht wissenschaftlich mit künstlerischen „Performances“ beschäftigt. An einer Stelle spricht der „CEO Bank of Kenya“ über Kipchoge. Warum erfahren wir nicht. Vielleicht hat der Sportler sein Girokonto bei der Bank.
 
When you go up the tree, you go up branch by branch …
 
Und am Ende ist es dann wieder Kipchoge selbst, der sich mit seiner Leistung in diesem Film auch für eine zukünftige Karriere als Motivationstrainer empfiehlt. Die Phrase „no human is limited“ wird mehrmals wiederholt. Und man muss nicht lange über die „Limits“ hungernder Säuglinge im Südsudan nachdenken oder über afghanische Mädchen, die gerade von den Taliban am Schulbesuch gehindert werden, um zu erkennen, dass wir hier eine wohlklingende aber leider doch hohle Motivationsphrase hören.
 
Nachdem sämtliche Beteiligten die Veranstaltung während des ganzen Films immer wieder als „race“ also „Rennen“ bezeichnet haben, obwohl es genaugenommen gar keines war, liefert Kipchoge selbst dann auch die Erklärung für den Sinn der ganzen Show: „… to inspire the human family“. Die gesamte menschliche Familie sollte also inspiriert werden. Nun gibt es sicher Menschen, die sich davon inspirieren lassen, wie jemand, der ohnehin schon Weltklasse war, mit enormem technischen, finanziellen und logistischen Aufwand und dank der Hilfe unzähliger Unbekannter und jeder Menge Sponsoren seine persönliche Bestleistung um ganze 1,6% steigern konnte. Aber solche Menschen fliegen vermutlich mit eigenen Raketen ins All, die sich bloß leisten können weil sie ihren Mitarbeitern keinen Mindestlohn zahlen. Wie das alles den Rest der menschlichen Familie inspirieren soll, bleibt unklar.
 
Wenn der Film dann mit einem absolut nichtssagenden Zitat von Barack Obama endet, müssen wir uns fragen, wozu die „Ineos 1:59 Challenge“ gut gewesen sein soll? Sie erinnert, vor allem durch Scotts komplett unkritische und distanzlose Art der „Dokumentation“, unangenehm an Felix Baumgartners „Stratos“-Sprung. Und wenn wir schon nicht wissen, wozu die Veranstaltung gut gewesen sein soll, wofür braucht es dann Scotts Film?
 
Was für eine Geschichte wollte Scott uns erzählen? Eine Sportgeschichte? Um Sport ging es in diesem Film viel zu wenig. Die Geschichte einer Herausforderung? An keinem Punkt des Films können irgendwelche Zweifel am Gelingen des Unternehmens aufkommen. Eine Heldengeschichte? Kipchoge ist sicher ein herausragender Sportler. Aber wenn wir in diesem Film Helden zu sehen bekommen haben, dann unter den 41, zum großen Teil namenlos gebliebenen Tempomachern, in deren Windschatten Kipchoge laufen durfte. Dieser Film erzählt gar keine Geschichte richtig. Nicht einmal die einer PR-Aktion, weil Scott vergisst, zu erklären, womit das Unternehmen INEOS sich beschäftigt.
 
 
Fazit
 
Eine Sport-Dokumentation, bei der es weder um Sport noch um den Sportler geht. Dieser Film funktioniert nicht einmal richtig als Werbefilm für die Organisatoren der „Ineos 1:59 Challenge“. Dieser Film funktioniert leider gar nicht richtig.
 
 
Ab 30. August 2021 digital verfügbar.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Jake Scott
  • Drehbuch: Jake Scott
  • Besetzung: Eliud Kipchoge