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Body of Truth

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Vier bekannte zeitgenössische Künstlerinnen benutzen immer wieder ...
 
... den eigenen Körper, um damit Kunst zu schaffen. Aber ist ein Film über Künstlerinnen und ihre Kunst zwangsläufig auch Kunst?
 
Marina
 
Eine Frau schneidet sich im Rahmen einer Kunstperformance mit einer Rasierklinge in aller Ruhe selbst ein Pentagramm in die Haut auf ihrem Bauch. Man kann von moderner Kunst halten was man mag. Dieses Bild aus einer mehrstündigen Performance der Künstlerin Marina Abramović wird bei jedem Betrachter einen Eindruck hinterlassen. Daher ist es auch eines der ersten Beispiele aus den Werken vier verschiedener Künstlerinnen, das uns Regisseurin Evelyn Schels in ihrem neuen Film zeigt.
 
Neben Abramović präsentiert Schels in „Body of Truth“ auch noch Sigalit Landau, Shririn Neshat und Katharina Sieverding. Und Schels, die bereits eine ganze Reihe von Künstlerportraits für die ARD und arte gestaltet hat, hat gut gewählt. Diese vier Künstlerinnen versorgen den Film mit eindrucksvollem Material. Jede von Ihnen bringt eigenes Film-, Video- und Bildmaterial mit, das den Kinogänger zum Betrachter kurzer Werkschauen von vier Künstlerinnen werden lässt. Dieses Konzept funktioniert eine ganze Weile. Aber irgendwann im Laufe der 92 Minuten dieses Films fällt auf, wie wenig die Filmemacherin Schels selbst zu bieten hat.
 
Shirin
 
Shirin Neshat meint, der weibliche Körper sei auch ein politischer Raum und hat damit sicher Recht. Gegen Ende von Schels Film besucht sie Marina Abramović in New York City. Die beiden Künstlerinnen kennen einander offensichtlich bereits länger und loben die Arbeit der jeweils anderen überschwänglich. Dieses Treffen zweier alter Freundinnen bleibt der einzige Austausch in diesem Film. Davon abgesehen hört und sieht man jede der vier Künstlerinnen immer nur über ihr eigenes Werk sprechen. Nie spricht eine der Frauen über etwas anderes als sich selbst und die eigene Arbeit. Nie spricht jemand anderer über die Arbeit dieser Künstlerinnen.
 
Wahre Kunst lebt von der Auseinandersetzung. Kunst muss Fragen stellen und in Frage stellen. In diesem Film dürfen Künstlerinnen sich ungestört nur mit sich selbst und ihrem Werk auseinandersetzen. Die vier Damen stellen nur Fragen auf die sie selbst die Antworten haben. Tatsächlich wird in diesem Film nichts in Frage gestellt. So betreibt der Film keine echte Auseinandersetzung mit seinem Thema. Man muss die Frage stellen, wie differenziert das noch ist. Man darf in Frage stellen, ob so ein Film noch Kunst ist.
 
Katharina
 
Katharina Sieverding spricht in einer ihrer ersten Szenen darüber, warum sie sich in ihrer Arbeit auf Kopf und Gesicht konzentriert. Im weiteren Verlauf des Films zeigt Schels uns Bespiele aus Sieverdings Werk. Nur wenige zeigen Köpfe, kaum eines zeigt Gesichter. Es wirkt teilweise als hätte sich die Filmemacherin nicht besonders intensiv mit dem Inhalt der O-Töne beschäftigt. Ebenso wie das Bildmaterial scheint sie die Kommentare der Künstlerinnen nur nach der Wirkung ausgewählt zu haben.
 
 
Sieverding meint, der Mensch käme kaum auf Erden zurecht und daher sei es lächerlich, wenn er nun auch noch den Kosmos erobern wolle. Aber tatsächlich unternimmt seit Jahrzehnten niemand mehr irgendwelche ernsthaften Anstalten zur Eroberung des Kosmos. Sieverding ist Jahrgang 1944. Sie begeht den Fehler vieler Senioren, sich an der Zeit zu orientieren, als sie selbst jung war. Wenn Sie hier Bedenken aus ihrer Vergangenheit äußert, erinnert sie leider an meinen Opa, der in meiner Jugend alle Preise für Waren und Dienstleistungen mit den Preisen seiner Jugendzeit verglichen hat.
 
Für Regisseurin Schels zählt offensichtlich bloß, wie bedeutungsvoll die O-Töne klingen. Der tatsächliche Gehalt der Kommentare wird nie hinterfragt. So wie Sieverding eindrucksvolle Bilder geschaffen hat, aber vielleicht keine große Philosophin oder Soziologin ist, so wirkt Schels Film visuell extrem hochwertig aber inhaltlich stellenweise dünn.
 
Sigalit
 
Sigalit Landau arbeitet seit einigen Jahren am und mit dem Toten Meer. Die Israelin schafft Kunst, indem sie Objekte von Wasser dort mit einer Salzschicht überziehen lässt. An einer Stelle des Films sieht es aus, als würde die Künstlerin eine Insel im Toten Meer mit einem Pickup suchen. Das wirkt auf Betrachter, die dazu eher ein Boot als ein Landfahrzeug benutzt hätten, unfreiwillig komisch. Schels erweist dieser intelligenten Frau und anspruchsvollen Künstlerin an dieser Stelle einen Bärendienst. Dieser wiegt besonders schwer, weil die Szene den Film weder inhaltlich noch visuell bereichert.
 
Es wirkt teilweise als würde Schels die nötige Distanz zu den portraitierten Künstlerinnen fehlen. Nicht nur manche von Sieverdings Ausführungen und Landaus Versuch eine Insel mit einem Auto zu erreichen, hätten im Schneideraum bleiben dürfen. Auch einige der Erläuterungen von Abramović und Neshat klingen prätentiös. Darunter leidet nicht nur das Bild das wir von den Künstlerinnen vermittelt bekommen. Der ganze Film hätte von einer kritischeren Auswahl des Materials profitiert.
 
Aber vielleicht konnte Schels nur so unkritisch arbeiten. Denn am Ende kann niemand mehr ignorieren, wie wenig sie selbst zum fertigen Film beigetragen hat. Die vier gezeigten Künstlerinnen haben immer wieder ihre eigenen Körper präsentiert, um Kunst zu machen. Wenn Abramović sich, wie bei der Performance mit dem Pentagramm, stundenlang nackt gezeigt und dabei verstümmelt hat, hatte sie dabei außer ihrem Körper und den Schauwerten der Nacktheit und der Selbstverletzung nicht viel an Konzept zu bieten. Und ähnlich geht Schels in ihrem Film vor, wenn sie außer den Werken der vier Künstlerinnen nicht viel an eigenen Ideen liefert.
 
 
Fazit
 
Der Film lebt von den schillernden Persönlichkeiten der vier Künstlerinnen und ihren mindestens ebenso interessanten Werken. Aber Kunst zu zeigen, lässt einen Film noch nicht gleich zur Kunst werden. Am Ende mangelt es an eigenen Ideen und an kritischer Distanz.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Evelyn Schels
  • Drehbuch: Evelyn Schels
  • Besetzung: Marina Abramović, Sigalit Landau