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Aznavour by Charles

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Charles Aznavour war ein kleiner, aber ganz besonderer Mann und ...
 
... ein großer Künstler. „Aznavour by Charles“ ist ein kleiner, aber ganz besonderer Film und auf seine Art ganz großes Kino.
 
Emmenez moi
 
Charles Aznavour wurde 1924 in Paris als Sohn armenisch-georgischer Flüchtlinge geboren. 1946 wurde die große Edith Piaf auf den begabten jungen Musiker aufmerksam und begründete seine Weltkarriere. Aber Edith Piaf schenkte Aznavour auch seine erste Filmkamera. Seit 1948 hat der Künstler Orte und Menschen gefilmt. Mit dem Blick des ewig neugierigen, des echten Künstlers hat er jahrzehntelang seinen Blick auf die Welt dokumentiert. Aber erst kurz vor seinem Tod 2018 begann er das Material mit dem jungen Filmemacher Marc di Domenico zu sichten um daraus einen Film zu machen. Seinen ganz persönlichen Film …
 
Dokumentarfilme über Künstler, benutzen Filmmaterial, das andere gedreht haben und zeigen uns wie andere diesen Menschen gesehen und erlebt haben. Spielfilme über Künstler, selbst wenn sie unter Mitwirkung des Künstlers entstehen, zeigen uns wie ein Schauspieler seine Version des Künstlers darstellt. In beiden Fällen gibt es Distanzen und Differenzen zu überbrücken. Die Distanz des Betrachters zum Objekt. Die Distanz des Darstellers zur Figur. Die Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.
 
„Aznavour by Charles“ ist ein seltener Glücksfall. Tatsächlich ist der Film ein kleines Wunder. Hier gibt es keine Distanz und keine Differenz. Wir hören Charles Aznavour Gedanken, während wir sehen was er gesehen hat. Azanavour leiht uns seinen Blick. Er lässt uns seine Welt aus seinem Blickwinkel erleben. Und seine Welt war so vielfältig, so prächtig, so abenteuerlich, dass wir gerne zusehen. Paris, New York, London, Casablanca, Tokio, Capri, Hongkong und viele andere Ort mögen uns heute nicht mehr allzu exotisch erscheinen. Jeder Teenager war bereits auf Klassenfahrt in Paris und auf Sprachferien in London. Nach Ney York fliegt man übers Wochenende zum Shoppen. Und Pauschalreisen an die exotischsten Destinationen kann man heute im Supermarkt oder auf seinem Mobiltelefon buchen.
 
Aber Aznavour hat das Paris der Nachkriegszeit gefilmt. Und er zeigt uns das New York der frühen Sechziger und Swinging London. Wir sehen afrikanische Strände lange vor dem Einfall der Pauschaltouristen und exotische Städte, die damals vielleicht Drehorte für Hollywood-Filme aber noch längst keine Ferienziele waren. Und die Orte wechseln ebenso schnell wie die Menschen, die immer wieder im Bild auftauchen. Kirk Douglas, Dalida, Petula Clark, Edith Piaf und viele mehr sind zu sehen. Orte und Menschen bilden die Stationen eines Lebens.
 
Und Aznavour teilt mit uns seinen Blick und seine Gedanken zu diesen wichtigen Stationen seines Lebens. Es berührt, wenn er den – aus heutiger Sicht schäbigen – Montmartre zeigt und dabei erzählt, wie Frankreich seine Familie mit offenen Armen empfangen hat. Wenn das nicht ganz so gewesen sein sollte, dann hat der junge Charles es doch genauso gesehen und empfunden. Dieser Film ist keine Dokumentation im herkömmlichen Sinne. Hier teilt ein großer Künstler und faszinierender Mensch seine Erinnerungen mit uns. Und das tut er so wie er sich eben erinnert. Manchmal melancholisch, manchmal vielleicht revisionistisch, aber immer mit der Neugier des Künstlers und der Milde des erfahrenen Menschen.
 
 
Wenn Aznavour uns zeigt, wie es zu seiner Ehe mit Evelyne Plessis kam und wie diese Ehe bald wieder zu Ende gehen musste, sehen wir kein Drama, keinen Streit, weil Aznavour kein Drama und keinen Streit sieht. Er sieht eine wunderschöne Frau, er sieht die mit ihr verbrachte Zeit, er sieht den Lauf der Dinge, er sieht die Liebe und den Abschied. Und all das sehen wir mit Aznavour gemeinsam. Wenn seine Gedanken aus dem off bereits schweigen und wir immer noch Bilder der einst geliebten Frau sehen, spüren wir den Verlust mit dem Aznavour seinen Frieden gemacht hat.
 
Später zeigt Aznavour uns seine dritte Frau Ulla mit all der Liebe und all der Zuneigung eines wahren Liebenden. Selbst mit den begabtesten Schauspielern, dem einfühlsamsten Drehbuch und dem genialsten Regisseur könnte kein Spielfilm jemals deutlicher und unmittelbarer die Innigkeit und Aufrichtigkeit dieser Beziehung vermitteln. Auch an dem Verlust seines Sohnes Patrick, der bereits in jungen Jahren verstarb, lässt Aznavour uns auf eine Art teilhaben, wie das in einer gewöhnlichen Dokumentation oder einem Spielfilm nie möglich gewesen wäre.
 
Für Mich – For Me - Formidable
 
Natürlich hat das Konzept dieses Films auch Schwächen. So wie ich einen Menschen gut kennen muss, ehe er seine Gedanken und seine Sicht der wichtigen Dinge des Lebens mit mir teilen kann, so muss der Betrachter Charles Aznavour kennen, ehe er den Künstler auf diese intime Reise durch sein Leben begleiten kann. Selten war der Betrachter eines Films jemals näher an seinem Objekt dran. Hier lernt man weniger über Aznavours Leben, sondern man lernt vor allem wie Aznavour das Leben sieht.
 
Wer also nicht wenigstens einige seiner vielen großartigen Chansons mitsingen kann (wahlweise auf Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch oder eben auch Deutsch), wer nicht zumindest die Meisterwerke „Schießen Sie auf den Pianisten“ , „Die Blechtrommel“ und „Die Phantome des Hutmachers“ kennt und darüber hinaus noch Filme wie „Taxi nach Tobruk“, „Die verrückten Reichen“ oder sogar „Auf der Fährte des Adlers“ gesehen hat, wird sich mit diesem Film vielleicht schwer tun. Als Künstler-Biografie funktioniert „Aznavour by Charles“ nur bedingt. Dieser Film ist ein gemeinsames Erinnern mit dem Künstler, keine Dokumentation seiner Laufbahn. Dieses gemeinsame Erinnern macht den Film aber zu etwas ganz Besonderem.
 
 
Fazit
 
Charles Aznavour war ein fantastischer Musiker, ein hervorragender Schauspieler und ein faszinierender Mensch. Mit diesem Film hat er zusammen mit Marc di Domenico posthum noch eine der interessantesten Künstler-Biografien seit langem produziert.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Marco di Domenico
  • Drehbuch: Charles Aznavour
  • Besetzung: Charles Aznavour