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Spider Murphy Gang: Glory Days of Rock ´n´ Roll

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Die “Spider Murphy Gang” ist eine nette kleine Rock’n’Roll-Band, die vor ...
 
... allem in Bayern bekannt war und vor bald 40 Jahren mal einen Nummer-Eins-Hit hatte. Die Dokumentation von Jens Pfeiffer passt zur Band.
 
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Ich war acht, vielleicht neun Jahre alt. In der Küche meiner Oma lief das Radio. Das Lied, das gerade lief, hatte ich in diesem Jahr schon mehrmals gehört. Jedermann im deutschen Sprachraum hatte dieses Lied in diesem Jahr schon mehrmals gehört. Immer und immer wieder hatten wir alle es gehört. Daher konnte ich den Text dieses Ohrwurms auch mitsingen und merkte zunächst nicht, wie meine Großmutter immer stiller wurde. Erst kurz vor der verhängnisvollen Zeile, die zum Refrain überleitete, hielt ich endlich meine Klappe. Aber zu spät, der Sänger plärrte den Text quer durch die großmütterliche Küche: „Und draußen vor der großen Stadt steh’n die Nutten sich die Füße platt!“
 
Zehn Jahre später: Kurt Cobain lebte noch, Axl Rose sah noch so ähnlich aus wie ein Mensch und jedes Wochenende tanzten wir zur Musik dieser und anderer Künstler in schlecht belüfteten Kellerlokalen. Aber wenn im späteren Verlauf des Abends das orgelhafte Intro des altmodischen Synthesizers zu hören war, kam regelmäßig nochmal richtig Leben in die Bude. Schon bei der ersten Textzeile stimmte der ganze Schuppen ein: „In München steht ein Hofbräuhaus, doch Freudenhäuser müssen raus, damit in dieser schönen Stadt das Laster keine Chance hat …“ Kaum ein Lied eignete sich besser zum Pogo-Tanzen.
 
Wer steckt hinter dieser bayerischen Band, die 1981 ihren einzigen Nummer-Eins-Hit hatte? Wie kam es, dass vier junge Männer in den späten Siebzigern, mitten in der Disco-Ära, nicht nur Rock’n’Roll spielten, sondern Rock’n’Roll mit Texten in bayerischer Mundart? Regisseur und Drehbuchautor Jens Pfeiffer lässt alte und neue Mitglieder der “Spider Murphy Gang” ausgiebig zu Wort kommen. Auch ehemalige Tour-Manager und Produzenten dürfen erzählen. Umfangreiches Archivmaterial in Ton und Bild ergänzt die Ausführungen der alten Herrn, die von ihren „Glory Days of Rock’n’Roll“ erzählen.
 
In Harlaching, im Übungsraum von Jugendheim …
 
Vor allem die beiden immer noch aktiven Gründungsmitglieder Günther Sigl und Barny Murphy (geboren als „Gerhard Gmell“) dürfen ausführlich erzählen, von den Anfängen im „Memoland“, von der Verehrung für Chuck Berry, von ersten Versuchen in der Muttersprache zu singen („Des Bayrische gehd guad mit’m Rock’n’Roll z’samm“), … Irgendwann dürfen auch die ehemaligen Bandmitglieder erzählen. Ex-Pianist Michael Busse erzählt von der Magie der Auftritte und wie er das Playbackspielen in den Fernsehshows gehasst hat. Ex-Schlagzeuger Franz Trojan erwähnt sein aufbrausendes Temperament und erklärt, „Anfang der Achtziger, da war Kokain überall“.
 
Aber gerade für Trojans Geschichte nimmt sich Filmemacher Pfeiffer zu wenig Zeit. Wir erfahren, wie Trojan die Band verlassen musste. Einmal erzählt er, wie schnell er auf Kokain Schlagzeug spielen konnte. Aber den traurigen Nachsatz des Schlagzeugers, „Ich krieg das nimmer hin mit der Scheißhand“ greift Pfeiffer nicht auf. Und am Ende des Films fällt uns auf, dass die aktiven Bandmitglieder nie zusammen mit den ehemaligen Kollegen zu sehen sind.
 
 
Ja mei, wia kummst denn Du daher?
 
Pfeiffer lässt die alten Herren immer und immer wieder von früher erzählen. Dabei vergisst er ganz, die kulturhistorischen und vor allem gesellschaftspolitischen Hintergründe zu beleuchten. „Schickeria“ war mehr als ein lustiges Liedchen, sondern das Sittenbild einer inzestuösen Elite eines verschlafenen Nests, das sich grundlos für eine Weltstadt gehalten hat. Auch die ausführlichen Erinnerungen an eine Tourne durch die DDR, inklusive Einsicht in alte Stasi-Akten, kann nur der Teil des Publikums würdigen, der noch weiß, was die DDR war und wofür sie stand.
 
Und so hat Pfeiffer einen Film geschaffen, der für Filmfans ohne eigene Erinnerungen an die Achtziger Jahre, kaum geeignet ist. Das könnte ein Fehler sein, weil dieser Film außerhalb Bayerns ohnehin wohl nur auf begrenztes Interesse stoßen wird.
 
Wir haben hier also einen Film, der vor allem für Fans der „Spider Murphy Gang“ geeignet ist. Diese werden sich über die vielen hervorragend ausgesuchten Archivaufnahmen freuen. Und auch die verschiedenen Soundclips von Demoversionen bekannter Hits werden echte Kenner begeistern. Wenn Sigl und Murphy „Pfiat Di Gott, Elisabeth“ als Gitarrenduett interpretieren, klingt das wunderschön stimmungsvoll. Der dokumentarische Wert des Ganzen hält sich aber in Grenzen.
 
Als Sigl zum ersten Mal seit Jahren (Jahrzehnten?) einen neuen Song einstudieren soll, stellt sich der mittlerweile Zweiundsiebzigjährige ein bisschen an, wie mein Opa, als er das erste Mal in seinem Leben statt in sein Lieblingswirtshaus in eine Pizzeria gehen musste, um dort statt eines Schnitzels eine Pizza serviert zu bekommen. Meinem Opa hatte die Pizza damals sehr wohl geschmeckt. Das änderte aber nichts daran, dass ihm das alles nicht gepasst hatte. Die Episode um Sigl und das neue Lied mit dem Titel „Glory Days of Rock’n‘Roll” menschelt recht nett, ist aber auch wieder nur etwas für echte Fans.
 
 
Fazit
 
“Spider Murphy Gang – Glory Days of Rock’n‘Roll” ist ein netter kleiner Film, der vor allem ältere Bayern ansprechen dürfte. Dieser eine Nummer-Eins-Hit der Band ist natürlich auch zu hören.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Jens Pfeifer
  • Drehbuch: Jens Pfeifer
  • Besetzung: Spider Murphy Gang