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Auf der Suche nach Ingmar Bergmann

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Margarethe von Trotta hat eine Dokumentation über Ingmar Bergmann gedreht ...
 
Aber wer bisher mit dem Werk dieses großen Regisseurs nicht bestens vertraut war, dem wird dieser Film kaum als Einstieg dienen können.
 
Sieben Siegel
 
Eine Küstenlandschaft in Schwarzweiß. Ein Ritter und sein Knappe ruhen am steinigen Strand. Ihre Pferde stehen im Wasser. Der Ritter betet, tritt aus dem Bild und wir sehen ein Schachspiel. Margarethe von Trotta erklärt uns jedes einzelne Bild dieser einen Szene aus „Das siebente Siegel“, einem der großen Meisterwerke der Filmgeschichte. So beginnt die große Regisseurin, deren „Die bleierne Zeit“ unter anderem mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurde, ihre Dokumentation. Es wird das letzte Mal sein, dass uns in diesem Film etwas wirklich erklärt wird. In den nächsten 90 Minuten hören wir viele Experten, die sich nur über ein Thema unterhalten. Und wie bei vielen Expertengesprächen, wird auch hier Kenntnis des Themas vorausgesetzt.
 
Das Thema ist das Werk Ingmar Bergmanns. Der Regisseur wäre am 14. Juli Hundert Jahre alt geworden. Bereits zu Lebzeiten galt er als einer der wichtigsten Regisseure aller Zeiten. Seine Bildsprache war revolutionär. Wie er in seinen Filmen mit Licht gearbeitet hat, wird heute noch kopiert. Er hatte schon vor mehr als fünfzig Jahren immer wieder starke Frauengestalten ins Zentrum seiner Filme gestellt. In Margarethe von Trottas Film lernen wir leider nur wenig über den Menschen Bergmann und noch weniger, warum er so war wie er war. In diesem Film wird vor allem das Gesamtwerk dieses Filmemachers eingehend betrachtet.
 
Szenen einer Persona
 
Bergmann hat in seiner langen Karriere mehrere Dutzend Filme gedreht. Und auch wenn sicher nicht jeder einzelne dieser Filme in von Trottas Dokumentation besprochen wird, wirkt es doch manchmal so. Der Zuseher, der nicht zumindest mit dem Hauptwerk Bergmanns vertraut ist, wird sich bald überfordert fühlen. Wer noch nie „Die Stunde des Wolfs“ gesehen hat, dem wird sich nicht erschließen, warum wir fast unkommentiert gezeigt bekommen, wie Max von Sydow einen Jungen mit einem Stein erschlägt.
 
Die Interviews mit Experten sind hochinteressant, aber eben auch nur wiederum für Experten geeignet. Wenn Carlos Saura über die Frauenfiguren in Bergmanns Werk spricht, sagt der spanische Regisseur damit ebenso viel über Bergmanns Filme, wie über seine eigenen. Wir sollten also auch „Anna und die Wölfe“ und Sauras großartige „Carmen“-Verfilmung kennen, um seine Kommentare würdigen zu können.
 
 
Wenn der Leiter der Ingmar-Bergmann-Stiftung darüber spricht, wie der Regisseur Schweden wegen Steuerermittlungen verlassen hat, erfahren wir im Film niemals wie dieses Verfahren kurze Zeit später eingestellt wurde. Margarethe von Trotta meint wohl, der Betrachter wüsste darüber ohnehin Bescheid. Oder möchte sie Bergmanns Status als „Flüchtling“ posthum nicht gefährden?
 
An ein oder zwei Stellen sind die Kommentare der Experten dann selbst mit solidem Basiswissen einfach nicht mehr nachvollziehbar. Ruben Östlund, dessen „The Square“ letztes Jahr in Cannes ausgezeichnet wurde, hat natürlich Recht, wenn er über die unsinnige Trennung von Arthouse- und Kommerzfilm in unserer Zeit spricht. Wenn er allerdings meint, Bergmanns „Szenen einer Ehe“ sei deutlich von der TV-Serie „Dallas“ beeinflusst, hätte doch während oder nach den Aufnahmen zu diesem Gespräch jemandem auffallen müssen, dass Bergmanns Film 1973 entstanden ist. Die ersten Folgen von Dallas wurden 1978, also fünf Jahre später, ausgestrahlt. In Passagen wie dieser wirkt es, als würden von Trotta und manche ihrer Interviewpartner von einem Elfenbeinturm herab zu uns sprechen.
 
Die Zeit mit Ingmar
 
Am besten funktioniert der Film, wenn Weggefährten und Kollegen wie Liv Ullmann, Rita Russek oder Margarethe von Trotta über die Arbeit mit dem Regisseur sprechen. Hier erfahren wir auch, wie ungewöhnlich Bergmanns Zusammenarbeit mit seinen Schauspielern war. Das Interview mit Bergmanns Sohn Daniel gewährt einen kleinen Einblick in das verwirrende Familienleben des Vaters. Auch die vielen Archivaufnahmen, in denen Bergmann selbst zu Wort kommt, sind hervorragend ausgewählt. Dass sie trotzdem kein deutliches Bild des Menschen Bergmann vermitteln, liegt sicher vor allem an dem Menschen selbst.
 
Die Aufnahmen der verschiedenen Lebensräume des Regisseurs sind von erlesener Qualität. Wir sehen sein Lieblingslokal in Stockholm und den Probenraum im Exil des Residenztheaters in München. Nachdem wir die karge Schönheit der Insel Fårö gesehen haben, können wir uns über das hässliche Wohnhaus in München Bogenhausen nur wundern. Raum und Umgebung sind in von Trottas Film, ebenso wie bei Bergmann, genauso wichtig, wie die Figur, die sich darin bewegt.
 
 
Fazit
 
Margarethe von Trotta hat mit großem Aufwand einen Film über einen wichtigen Filmemacher gedreht. Für Bergmann-Kenner ist der Film natürlich Pflicht, für Anfänger ist er aber praktisch ungeeignet.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Margarethe von Trotta
  • Drehbuch: Felix Moeller