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The King

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In seinem neuen Dokumentarfilm vergleicht Eugene Jarecki alles, das im Leben ...
 
... von Elvis Presley schief gelaufen ist, mit einigem was in den USA in den letzten Jahrzehnten schief gelaufen ist. Dabei helfen ihm eine ganze Reihe sehr interessanter Interviewpartner.
 
Glory, glory, hallelujah …
 
Elvis Presley war der größte Star aller Zeiten. Egal ob man seine Musik (oder seine Filme) mochte oder nicht, muss man doch anerkennen, dass seine Name vierzig Jahre nach seinem Tod noch immer ein Begriff ist. Und die USA sind das mächtigste Land aller Zeiten. Sie beeinflussen mit ihrer Politik und mehr noch mit ihrer Kultur seit gut siebzig Jahren die ganze Welt. Der Mensch Elvis Presley war während des größten Teils seiner Karriere in keiner guten Verfassung. Einsam, verschwenderisch, drogensüchtig und bald stark übergewichtig, stand er trotzdem zweimal pro Tag auf der Bühne und verkaufte trotzdem mehr Platten als jeder andere Solokünstler. Und auch den USA geht es schon seit langer Zeit gar nicht gut. Dieses Land bekommt weder Rekordarbeitslosigkeit, eine ganz offenbar ungerechte Justiz, rassistische Polizeibehörden, oder die Drogenkriminalität in den Griff. Trotzdem greift es gerade wieder gewaltsam in die Weltpolitik ein. Der Vergleich bietet sich also an.
 
Vor mehr als zehn Jahren hat Eugene Jarecki mit seinem Dokumentarfilm „Why we fight“ anschaulich und informativ die Zusammenhänge zwischen amerikanischer Wirtschaft, Politik und Militär dargestellt. In seinem neuen Film geht er einen ganz anderen Weg. In einem Rolls Royce der tatsächlich mal Elvis gehört hat, nimmt er uns mit auf eine Reise durch USA. Dabei lässt er immer wieder die verschiedensten Gesprächspartner im Auto Platz nehmen und über Elvis, ihr Land und über ihr Leben sprechen.
 
Viele dieser Interviewpartner haben Interessantes zu erzählen. Und das ist ein Glück für Jarecki. Denn er selbst sagt nur wenig. Er vermittelt uns auch keine Informationen. Abgesehen vom Casting scheint vor Drehbeginn keine Recherche zu dieser Dokumentation stattgefunden zu haben. Und so bekommen wir viele Bilder zu sehen; zum Teil Archivmaterial und zum Teil neugedreht. Und so bekommen wir viel O-Ton zu hören; zum Teil altes Material und zum Teil von den Interviewpartnern gesprochen. Aber am Ende erinnert Jareckis Film an Naturdokumentationen wie „Unsere Erde“ oder „Unsere Ozeane“. Man sieht knapp zwei Stunden lang viele großartige Bilder, bekommt aber kaum Informationen. So wie ein halbwegs gebildeter Mensch nach „Unsere Erde“ nicht mehr über den weißen Hai oder den Eisbären weiß als vorher, so weiß man nach diesem Film irgendwie auch nicht viel mehr über Elvis und die USA als vorher.
 
In einer Szene unterhält sich der Filmemacher mit einem der Mitarbeiter über die Aussage des Films und wirkt dabei etwas unsicher. Und auch als Betrachter ist man zunächst unsicher über die unkritische Haltung des Films gegenüber der doch recht zwiespältigen Figur des Elvis Presley. Nach vollen 28 Minuten ist es dann Chuck D von „Public Enemy“, der offen den Rassismus in der öffentlichen Person und der Karriere des King of Rock’n’Roll anspricht. Und dann spricht auch der ehemalige politische Berater Barack Obamas, Van Jones, darüber, wie das white-washing von schwarzer Musik die Grundlage von Elvis‘ Karriere bildete. Das ausgeglichene Bild, das der Film doch noch vermittelt, entsteht nur durch das breite Spektrum von Interviewpartnern.
 
 
Taking Care of Business Band
 
Die größte Stärke von Jareckis Film sind ganz klar die vielen Interviewpartner. In knapp zwei Stunden darf eine bunte und illustre Mischung von Passagieren auf den Sitzen des Rolls Royce Platz nehmen:
 
Die kindliche Sängerin Emi Sunshine ist ebenso laut und schrill wie authentisch und steht damit schon fast symbolisch für einen großen Teil der USA von heute.
 
In Elvis‘ alter Nachbarschaft in Tupelo, Mississippi, und in Memphis, Tennessee begegnen wir Menschen für die der amerikanische Traum längst ausgeträumt ist. Diese Leute haben einige faszinierende An- und Einsichten zu bieten.
 
Ethan Hawke darf ganze zehnmal über Elvis und Amerika erzählen. Und man merkt schnell, warum der Regisseur keinen seiner Fahrgäste so oft zu Wort kommen lässt. Hawke spricht ebenso leidenschaftlich wie informiert über jedes Thema. An einer Stelle erzählt er, wie zum Zeitpunkt der Geburt seines Großvaters landwirtschaftliche Erzeugnisse den Großteil der Exporte der USA ausmachten, während zum Zeitpunkt seines Todes Entertainment der Hauptexportartikel des Landes war. Diese auf den Punkt gebrachten Beobachtungen gehören zu den Höhepunkten des Films. Nachdem er bei der Auswahl seiner Spielfilmprojekte ohnehin so oft danebengreift, sollte Hawke ernsthaft über eine Neuausrichtung seiner Karriere nachdenken.
 
Alec Baldwin versichert uns in seinen 2015 aufgenommen Szenen gleich zweimal „Trump is not gonna win!“
 
Wenn man bisher kein Fan von Ashton Kutcher war, wird man es nach diesem Film auch nicht. Der Star spricht in dieser Doku über Elvis und sein Heimatland erstmal nur über sich selbst. Dann winkt er lästige Fans weg und spricht noch ein bisschen über sich selbst und seinen Umgang mit seinem Ruhm. Über Elvis und die USA hat er nichts zu sagen.
 
Weiters sehen wir eine amerikanische Ureinwohnerin, die Elvis als kleines Mädchen eine Auszeichnung verleihen durfte, Bürgerrechtler, Musiker von damals und heute, eine Ex-Geliebte des King, andere Zeitgenossen und noch vieles mehr.
 
 
Fazit
 
„The King“ klärt sicher nicht die Frage, wo die USA auf ihrem Weg in den letzten Jahrzehnten falsch abgebogen sind. Aber der Film bietet einen wunderbar bunten Bilderbogen dieses faszinierenden Landes und seiner Bewohner.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: John Krasinski
  • Drehbuch: Eugene Jarecki
  • Stars: Ethan Hawke, Ashton Kutcher